Harald A. Summa + Autobahn

Der Streit ums Tempolimit ist von gestern

Tempolimit: Es gibt viele gute Gründe, warum es sinnvoll ist, allen voran der Autofahrer selbst. Geringere Reisegeschwindigkeit gleich geringeres Unfallrisiko. Geringere Aufprallgeschwindigkeit gleich geringeres Verletzungsrisiko. Um diese zwei Gleichungen zu verstehen, muss man kein Experte sein, es genügen Grundkenntnisse in Physik. Und wem selbst das noch zu viel Theorie ist, der kann einfach nachschauen, was auf Autobahnabschnitten passiert, auf denen Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt werden.

Warum sind trotzdem viele Menschen – unter anderem im Bundesrat – gegen ein generelles Tempolimit auf Autobahnen? Warum sind unter diesen Menschen sogar viele, die selbst nicht oder nur selten schneller fahren als 130? 

Ich habe da einen Verdacht …

Mein Verdacht lautet: Die Diskussion ums Tempolimit ist eine Diskussion von gestern. Sie geht an der eigentlichen Sache vorbei. Wie ich darauf komme? Weil ein Tempolimit bei einem anderen in Deutschland einigermaßen beliebten Verkehrsmittel überhaupt kein Thema ist. Ich meine die Bahn. Unsere ICE zischen gerne mal mit 300 Sachen durch die Landschaft, aber haben Sie schon einmal erlebt, dass über diesen Umstand auch nur annähernd so leidenschaftlich gestritten würde wie beim Auto?

Nicht Geschwindigkeit ist das Problem, sondern die Konsequenzen

Ich jedenfalls nicht und daher behaupte ich, wir haben kein Problem mit der Geschwindigkeit unserer Autos – wir haben ein Problem mit den Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Und für diese Probleme gibt es Lösungen. Eine davon befindet sich in Frankfurt und heißt DE-CIX. Beim DE-CIX handelt es sich um einen Internetknoten, den größten seiner Art.

Hier treffen Netzwerke aufeinander. 

Die von großen Anbietern, die jeder kennt, der in Deutschland Festnetz oder Mobilfunk nutzt, etwa Vodafone oder die Deutsche Telekom; die von Anbietern, die jeder kennt, der mit seinem Handy schon mal im Urlaub war, etwa Bouygues Telecom oder Croatian Telecom; die von Netzanbietern, die ihre heimischen Märkte mit denen in Europa verbinden wollen, etwa Angola Cables oder die West Indian Ocean Cable Company.

Und auch das Netzwerk eines deutschen Herstellers schneller Autos ist in Frankfurt mit den Netzwerken dieser Welt verbunden.

Warum? Wer das versteht, kann die Tempolimitdiskussion ganz anders führen. Nämlich als Diskussion, bei der es um die Zukunft der Mobilität geht. Als Diskussion, bei der nicht Geschwindigkeit im Vordergrund steht, sondern Sicherheit und Verlässlichkeit. Was macht der Autobauer in Frankfurt? Eigentlich ist es ganz einfach zu verstehen. Die wichtigste Funktion eines Internetknotens ist die Vernetzung – und die Zukunft des Automobils ist vernetzt. 

Die Zukunft entscheidet sich an der digitalen Infrastruktur

Wer wie der Autohersteller direkt am Internetknoten andockt, ist nicht auf das öffentliche Internet angewiesen und sichert sich damit auf einen Schlag eine Reihe wichtiger Vorteile. Die Verbindungen sind stabiler. Die Latenzen sind geringer. Beides unabdingbare Voraussetzungen für Autos, bei denen immer größere Anteile an Routenführung, Flottenmanagement, Wartung und, nicht zu vergessen: der tatsächlichen Fortbewegung digital gemanagt, kontrolliert und gesteuert werden. 

Die Entwicklung hin zum Connected Car ist in vollem Gang und sie ist nicht aufzuhalten. Die Vernetzung der Autos untereinander, die Verbindung der Autos mit Herstellern und Lieferanten sowie die Vernetzung mit einer sich gerade erst erfindenden Palette von Anbietern, für die unsere Fahrten im Auto und entlang der Route einen Business Case darstellen, wird immer engmaschiger. 

Das hat auf jeden Fall Auswirkungen auf die Automobilbranche und es hat, wenn wir es klug anstellen, auch Auswirkungen auf unsere Sicherheit im Auto, also das, worüber wir eigentlich reden, wenn wir über ein Tempolimit reden. Streiten wir uns also nicht nur über die Symptomatik, sondern arbeiten wir zusammen an einer zukunftsgewandten Mobilität und an der Infrastruktur, die diese Mobilität erfordert. Und die ist zu großen Teilen: digital.

Foto © orinoco-art | istockphoto.com

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