Harald A. Summa + Daten Anziehung Gewicht

Kein Gewicht, aber hohe Anziehungskraft

Weil Daten Daten anziehen, konzentrieren sich immer mehr Unternehmen an einigen wenigen Hotspots.

Wieviel Milch noch in der Packung ist, ist nicht schwer zu ermitteln. Einfach hochheben und schon weiß man, ob sie voll ist oder leer oder ob der Rest gerade noch für den Kaffee reicht. Mit einer Festplatte geht das nicht. Um festzustellen, ob sie voll mit Daten ist, ist Hochheben die falsche Methode. Schütteln hilft auch nicht weiter. Bleibt nur anschließen und nachschauen, denn, logisch: Daten haben kein Gewicht.  

Den längsten Teil ihrer Geschichte lebte die Menschheit in einer ausschließlich analogen Welt. Darum tut sich der Mensch schwer mit dem Verständnis von Dingen, die kein Gewicht haben. Überhaupt anstrengend ist, die Existenz von etwas zu verstehen, das sinnlich nicht zu begreifen ist. In Ägypten waren fast viertausend Jahre lang Hieroglyphen das bevorzugte Informationsaustauschsystem, eine analoge und erstaunlich beständige Art der Datenspeicherung. ASCII hingegen gibt es noch nicht einmal seit hundert Jahren. Kein Wunder, braucht die Menschheit noch etwas Zeit, um den Umgang mit digitalen Daten zu erlernen.

Das Problem daran ist nur, dass wir diese Zeit nicht haben. Denn nicht nur findet der von uns selbst befeuerte technologische Fortschritt weitgehend in Sphären statt, die sich unseren Sinnen entziehen. Der Fortschritt hat auch ein Tempo erreicht, das unseren Intellekt zunehmend überfordert. Obendrein lassen sich die Regeln aus der analogen Welt nicht eins zu eins in die digitale Welt übertragen.

Wo schon viele Daten sind, folgen schnell weitere 

In der analogen Welt sind die Gesetze der Schwerkraft unumstösslich. Was kein Gewicht hat, verfügt auch nicht über Gravitationskraft. In der digitalen Welt gelten andere Regeln. Daten haben zwar kein Gewicht, sie ziehen aber dennoch weitere Daten an. Wo viele Daten sind, folgen weitere Daten. Diese Daten ziehen Anwendungen nach sich, diesen Anwendungen folgen wiederum Daten und so fort. 

Diesen Automatismus zu verstehen, ist nicht besonders schwierig, zumal die Auswirkungen durchaus greifbare Folgen hat: An Standorten wie Frankfurt, Amsterdam oder London manifestieren sie sich in Form von Rechenzentren und Internetknoten. Datenhubs, an denen die innovativsten Unternehmen datenintensiver Branchen ihre Server mit starker Bandbreite und geringer Latenz zusammenschließen und so die Datenströme erschaffen, aus denen unser aller digitale Zukunft entsteht. 

Weitaus schwieriger zu verstehen ist, welche Folgen diese Konzentration von Daten hat. In kosmischen Dimensionen sorgt die Anziehungskraft dafür, dass größere Himmelskörper kleinere so lange anziehen, bis es keine kleinen mehr gibt. Aus diesem Grund gibt es pro Umlaufbahn nur einen Planeten. Ähnlich verhält es sich mit den digitalen Infrastrukturen. Ursprünglich dezentral angelegt, sammeln sich Daten samt der zugehörigen Hardware zunehmend an wenigen Zentren. Dieser Konzentrationsprozess hat gerade erst begonnen. Welche Folgen er hat, ist vielen betroffenen Unternehmen noch nicht klar.

Um diese Zentren herum wird es immer Satelliten geben, beispielsweise Edge Rechenzentren, die den Kontakt zu weniger gut angebundenen Landstrichen halten, doch als Umgebung für ein florierendes digitales Ökosystem werden die Zentren gegenüber der Peripherie immer besser. Die digitale Kluft zu überwinden, heißt für Unternehmen: am Hotspot präsent zu sein. 

Präsenz allein reicht nicht

Doch mit bloßer Präsenz ist es nicht getan, denn große Menge Daten an dem Ort zu speichern, an dem bereits noch größere Mengen Daten gespeichert sind, kann dazu führen, dass die Datenmenge zu groß wird. Im Universum ist die Gegend rund um ein Schwarzes Loch keine, in der man sich aufhalten möchte. Nach allem, was man darüber weiß, saugen Schwarze Löcher alle Materie und sogar Licht in sich auf, ohne irgendetwas davon jemals wieder herzugeben. 

Ganz so schlimm dürfte es mit den Datenströmen in Unternehmen nicht kommen. Aber die Gefahr ist sehr real, dass Unternehmen in ihren zentralen Rechenzentren mehr Daten speichern, als mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kapazitäten sinnvoll bearbeitet werden können – und sie wird angesichts rasant zunehmender Datenmengen von Monat zu Monat realer. Zu den möglichen Folgen gehören Standorte, Partner und Mitarbeiter, deren lokale Werkzeuge unzureichend funktionieren, was sich sehr schnell sehr negativ auf das persönliche Befinden und den Geschäftsbetrieb auswirken kann.

IT-Verantwortliche, die auf dem Weg vom sinnlichen analogen ins abstrakte digitale Leben verantwortungsvoll vorausgehen, sorgen daher heute dafür, dass ihr Unternehmen morgen nicht in Richtung Schwarzes Datenloch taumelt. Sie siedeln ihre IT dort an, wo die großen Datenmengen gespeichert werden und gönnen all denen, die von ihren Entscheidungen abhängen, ausreichend breite und schnelle Verbindungen, damit sie mit diesen Daten vernünftig arbeiten können. Das heißt auch, für optimale Connectivity zu sorgen und ihre eigenen Server an Internetknoten wie DE-CIX Partnern, Cloud-Anbietern und ISPs zu verbinden. 

Bild © Tony Studio | iStockphoto.com

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