Harald A. Summa + Klimaschutz und Digitalisierung

Nachhaltigkeit & Digitalisierung: Zwei ungleiche Herausforderungen

Es ist Sommer. Nach und nach beginnen in den Bundesländern die großen Ferien. Der Bundestag macht Pause, Fußball-Bundesliga ist auch nicht. Früher, als es noch kein Twitter gab und der Vorrat an durchs Dorf zu treibenden Säuen noch keiner exponentiellen Wachstumskurve folgte, hätte man gesagt: Sommerloch. Diese Zeiten sind passé. Heute ist immer irgendwas. Vielleicht werden künftige Generationen den Begriff „Sommerloch“ einst ähnlich erklärungsbedürftig finden wie „langer Samstag“. Oder „Backverbot“. 

Eine Folge der nie abbrechenden, schnappatmigen Newscycles ist, dass wir alle täglich Eilmeldungen auf den Bildschirm gespült bekommen, denen es nie an entsprechender Kennzeichnung fehlt. Eilig ist nicht immer wichtig. Aber das Wichtige zu erkennen, ist in Zeiten des permanenten Krisenmodus auch nicht immer leicht. Daher hier ein paar Anmerkungen zu den zwei großen, wichtigen und eiligen Krisen unserer Zeit.

Die eine dürfte auch in diesem Sommer niemand, der mit halbwegs offenen Augen durchs Leben geht, verpassen. Die Klimakrise ist auch ohne Doomscrolling nicht zu übersehen. Wer etwa durch den Gotthard oder über den Brenner nach Italien fährt, wähnt sich, sofern er die Reise nicht zum ersten Mal erlebt, womöglich am falschen Platz oder zur falschen Zeit. Die Kornkammer Italiens, seit jeher getränkt aus den reichlich Wasser führenden Seen der Alpen, ist kaum wiederzuerkennen. Dürre ist nicht nur für Getreide schwer zu ertragen. 

Wann wird’s mal wieder richtig Sommer? Die Frage habe ich schon lange nicht mehr gehört. Was ich stattdessen immer häufiger höre, ist der Wunsch, dass es doch mal wieder regnen möge (gefolgt von der Einschränkung, dass damit natürlich nicht schon wieder eine Sintflut gemeint sei). Die Klimakrise, prominentester Teil unserer Probleme mit der Nachhaltigkeit, geht im Sommer nicht in die Pause. Eher schiebt sie Überstunden. 

Im Vergleich dazu sehen die Klimakurven direkt harmlos aus

Keine Zeit zum Verschnaufen gibt es auch bei der zweiten großen Herausforderung unserer Zeit, der Digitalisierung. Halbgaren Plänen über selbst auferlegte Moratorien bei der KI-Entwicklung zum Trotz, schreitet der technische Fortschritt voran. Diesen Monat wieder ein bisschen schneller als noch letzten Monat und nächstes Jahr um diese Zeit dann deutlich schneller als dieses Jahr an Weihnachten. Alle Kurven zeigen so steil nach oben, dass die Klimakurven daneben direkt harmlos aussehen. 

Was sie natürlich nicht sind. Der Fernseharzt Eckart von Hirschhausen vergleicht das Erdklima gerne mit der Körpertemperatur. Wer meine, 1,5 Grad Celsius Erderwärmung wären doch nicht so schlimm, solle sich einfach mal vorstellen, dauerhaft mit 38,5 Grad Celsius Körpertemperatur zu leben. Wie sich der Planet durch das vom Menschen gemachte Fieber verändert, ist gut dokumentiert. Über die zu erwartenden Veränderungen samt Kipppunkten gibt es unterschiedliche Szenarien, die sich in Details unterscheiden, aber eine große Gemeinsamkeit aufweisen: Keines davon ist gut.

Zwischen den beiden Herausforderungen besteht ein großer Unterschied

Das unterscheidet die Herausforderungen Nachhaltigkeit von der Herausforderung Digitalisierung: Bei der Nachhaltigkeit sind die Konsequenzen unseres gegenwärtigen Handelns klar und auch unsere guten Absichten sind leicht verständlich ausbuchstabiert. Mehr noch, die Ziele, wie sie etwa von den Vereinten Nationen definiert wurden, sind sogar konsensfähig. Frieden ist gut, Armut ist schlecht. Bildung ist gut, Chancenungleichheit ist schlecht. Sauberes Wasser ist gut. Bezahlbare und saubere Energie ist gut. Genügend Fische im Meer sind gut und so weiter. 

Natürlich gibt es beim Erreichen der Ziele Interessenkonflikte, Bremser und Saboteure. Auch wenn die Mehrheit dafür ist, ist sind Erfolge alles andere als sicher. Aber immerhin gibt die Ziele, zu denen übrigens auch eine widerstandsfähige Infrastruktur zur Förderung von Innovation und Industrie zählt. Und um sie rundheraus abzulehnen, müsste man schon einer sehr kühnen Denkschule verfallen sein.

Anders bei der Digitalisierung. Für uns Insider der digitalen Wirtschaft mag es klar sein, die Digitalisierung ist ein Schlüssel für die Nachhaltigkeit. Ohne wird es nicht gehen. Aber wie sehen das Menschen, die im Thema Digitalisierung nicht so tief drinstecken? Mit eco haben wir vor kurzem in einer Umfrage nachgehört, welche Nachhaltigkeitsziele sich der Meinung der Teilnehmer zufolge am ehesten mit Hilfe der Digitalisierung erreichen lassen. 

Das hier sind die Ergebnisse: 

Harald A. Summa + eco Umfrage Nachhaltigkeit & Digitalisierung
Civey-Umfrage im Auftrag von eco (Quelle)

Als Branche sind wir stolz auf uns. Die Gesellschaft ist sich da nicht so sicher

Zählt man die beiden letzten Zahlen zusammen, „keine“ und „weiß nicht“, kommt man auf 41,5 Prozent. Nur für zwei Antwortmöglichkeiten entschieden sich mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer: „Hochwertige Bildung“ und „Industrie, Innovation und Infrastruktur“. 

Bitte beachten, es waren Mehrfachnennungen möglich. Es ist also nicht so, dass vier von zehn Menschen nicht wissen oder nicht glauben, dass die Digitalisierung für die Nachhaltigkeit entscheidend ist. Aber von einem normativen Rahmen, wie wir ihn beim Thema Frieden oder sauberes Wasser haben, kann hier keine Rede sein. Als Branche sind wir stolz auf das, was wir tun. Die Gesellschaft ist sich da nicht so sicher. 

Das ist verständlich. Es ist aber auch kompliziert. Technischer Fortschritt soll schon sein – aber gleichzeitig, siehe KI, machen neue Technologien vielen Menschen Angst. Souveränität auch im Internet möchte man schon haben – aber nicht jeder freut sich, wenn in Frankfurt ein neues Rechenzentrum eröffnet wird. Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ist durchaus erwünscht – aber müssen es denn wirklich so viele Roboter sein und müssen wir wirklich alles automatisieren, was zu automatisieren geht? 

Auf Fragen wie diese gibt es derzeit nur wenige konsensfähige Antworten. Wenn wir die Herausforderung Digitalisierung und mit ihrer Hilfe die Herausforderung Nachhaltigkeit meistern wollen, müssen wir das ändern. 

Foto © koya79 | istockphoto.com

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