Harald A. Summa + Smart City

Wie weit sind wir schon?

Smart City Teil 2

Das Label Smart City ist neu, die Idee ist es nicht, denn smart waren Städte schon vor der Ankunft der Smart City. Als die ersten Menschen ihren mobilen Lifestyle aufgaben, der mit dem Jagen wilder Tiere einherging, um zu Spezialisten für Ackerbau, Viehzucht, Häuslebau etc. zu werden, war es die smarte Idee, sich überhaupt in Städten anzusiedeln. Arbeitsteilung und Ertragssteigerung, Effizienz und Wachstum: Was die Stadt ermöglicht, hat die Menschheit groß gemacht. 

Das Zusammenleben auf engem Raum hat schon immer eine smarte Infrastruktur erfordert. Manches hat sich überholt, Stadtmauern etwa sind heute kaum noch gefragt. Anderes wird immer zentral bleiben. Das sind vor allem die Services, die von Stadtwerken erledigt werden und an die wir im Idealfall keine großen Gedanken verschwenden, weil sie einfach funktionieren. Den größten Erfolg verspreche ich mir nicht von Ideen, die das Leben in der Stadt komplett verändern sollen, sondern von solchen, die den Alltag mithilfe digitaler Vernetzung etwas unkomplizierter machen.

Keine Aufmerksamkeit erfordern, sondern Hindernisse still aus dem Weg räumen

Die ideale Smart City-Anwendung ist womöglich die, von der wir gar nicht merken, dass es sie überhaupt gibt. Sie fordert nicht unser kostbares Gut Aufmerksamkeit ein, sondern räumt still und unaufgeregt Hindernisse aus dem Weg. Sie trägt dazu bei, dass Mülleimer nicht überquellen und die Stromversorgung nicht zusammenbricht. Sie hilft uns dabei, uns schnell und sicher durch die Stadt zu bewegen und dabei umstandslos zwischen den Verkehrsmitteln zu wechseln. Sie sorgt dafür, dass wir, um Hilfe von unseren Behörden zu bekommen, nicht aufs Amt gehen müssen, sondern nur in die Hosentasche greifen.

Singapur, Helsinki und Seoul werden gerne als besonders weit entwickelt genannt, im deutschsprachigen Raum wird Zürich oft gelobt. Deutschland, obwohl mit einem enormen Maß an technologischer Kompetenz gesegnet und beim Industrial Internet of Things (IIot) führend, fehlt in den internationalen Smart-City-Rankings meist. Das sollte nicht davon ablenken, dass auch hierzulande einiges in die richtige Richtung läuft. Ein Auszug von Punkten, die am gemeinsamen Event von eco – Verband der Internetwirtschaft e. V. und der deutschen ict + medienakademie „Macht ein smartes City-Netz schon eine Smart City?“ vorgestellt wurden: 

  • Die Deutsche Bahn, die über ein 22.000 Kilometer großes Glasfasernetz verfügt, das mit Bahnhöfen zentrale städtische Punkte verbindet, kann Lücken schließen und Akteure wie Stadtwerke, ITK-Unternehmen, Behörden und Universitäten verbinden 
  • Wie oben erwähnt, ist Deutschland führend im Bereich IIoT. Unternehmen wie Vodafone können mit ihrem Know-How Anwendungen wie vernetzte Pflegebetten oder vernetzte Außenbeleuchtung vorantreiben und bringen auch das zentrale Thema Smart Grid voran
  • In Bochum bringt die Kommune über Tochtergesellschaften in Kooperation mit der Deutschen Telekom den Ausbau des Glasfaserkabels voran und will das Stadtgebiet in den nächsten zehn Jahren vollständig erschließen
  • In Köln hat NetCologne mit dem Ausbau von LoRaWAN, einem Schmalbandverfahren zur energieeffizienten Vernetzung von Objekten, begonnen und Projekte für effiziente Stromkästen, smarte Weichenheizung und intelligent kommunizierende Mülltonnen angestoßen

Die Liste könnte ergänzt werden um etliche Beispiele, in denen Städte den Weg in die Smart City gehen. So unterschiedlich die Beispiele auch sein mögen, sie rufen in mir zuverlässig das gleiche Gefühl hervor. Es ist ein ambivalentes Gefühl. Einerseits freue ich mich darüber, was technisch möglich ist und wie viele schlaue und zupackende Menschen im ganzen Land an wichtigen Positionen angekommen sind. Andererseits frage ich mich: Ist das nicht zu wenig und zu spät?

Es ist das Grunddilemma unserer Zeit, dem niemand entkommt, der sich, sei es als Anwender oder als Entwickler, mit Technologie befasst. Es beruht auf dem wesentlichen Merkmal der Digitalisierung und der digitalen Transformation: der zunehmenden Geschwindigkeit. Nie war der Wandel schneller, nie wird er je wieder so langsam sein. Zeit, uns auf dem Erreichten auszuruhen, haben wir nicht. Es ist immer was zu tun und egal, an welcher Stelle der Kurve wir gerade sind, das nächste Stück wird mit Sicherheit steiler. Daher lasse ich die Frage, ob das, was wir bereits getan haben, genug ist. Stattdessen widme ich mich im nächsten Teil dieser Serie darum, was wir als nächstes anpacken sollten.

Die komplette Smart-City-Reihe
Teil 1 – Wie sollen sich Städte und Regionen engagieren?
Teil 2 – Wie weit sind wir schon?
Teil 3 – Fehlt uns eigentlich noch irgendetwas?

Foto © Maksim Tkachenko | istockphoto.com

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