Harald A. Summa + Partnerschaft

Für die Zukunft – nicht nur der hessischen Wirtschaft

Ich wurde in den Hessischen Zukunftsrat Wirtschaft berufen. Damit gehöre ich zu 26 Expertinnen und Experten, die unter dem Vorsitz von Dr. Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende der Entega AG in Darmstadt, und Prof. Volker Wieland, Ph.D., geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) an der Frankfurter Goethe-Universität, Handlungsempfehlungen entwickeln dürfen.

Was ist zu tun? Ministerpräsident Boris Rhein und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir haben unsere Aufgabe so beschrieben: „Wir müssen digitale Technologien optimal nutzen, weniger Ressourcen verbrauchen und dabei bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden. Der ‚Hessische Zukunftsrat Wirtschaft‘ soll uns auf dem Weg dahin wichtige Impulse liefern.“

Wie sehe ich meine Rolle? Berufen wurde ich aufgrund meiner Erfahrung im Aufbau einer weltweit führenden IT-Infrastruktur, dem Internetknoten DE-CIX. Der ist der Internetknoten mit dem weltweit größten Datendurchsatz, sondern auch ein Exportschlager. Mit 43 Ablegern weltweit sind wir nicht nur in Hessen daheim. Wir sind wichtig für die Region, aber unser Geschäftsmodell ist ein globales. Das prägt meine Sichtweise.

Damit bin ich nicht allein. Alle die mit mir den Zukunftsrat darstellen, denken global. Das gilt für die Führungspersönlichkeiten von Opel, Merck, Lufthansa, der Commerzbank oder der Deutschen Börse ebenso wie für BioSpring Gesellschaft für Biotechnologie oder die Blechwarenfabrik Limburg. Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich sage: Wenn wir an die wirtschaftliche Zukunft Hessens denken, müssen wir global denken. Wir müssen unser Denken an die neuen globalen Realitäten anpassen.

Politisch und wirtschaftlich erleben wir einen Rückbau von Partnerschaften

DE-CIX startete 1995 in Frankfurt. Damals war die Welt eine andere. Unsere Vernetzung schritt in drei Bereichen in hohem Tempo voran: technisch, wirtschaftlich und politisch. Das Internet wurde zum Massenmedium, Grenzen waren dazu da, überschritten zu werden. Unser Netzwerk wuchs und wuchs und je schneller es wuchs, umso attraktiver wurde es. 

Dem Metcalfeschen Gesetz zufolge steigt der Nutzen eines Netzwerks proportional zum Quadrat seiner Teilnehmer. Frankfurt wurde zur Internethauptstadt Europas. Der DE-CIX gehört auch bei der Zahl der angeschlossenen Netzwerke zu den größten weltweit. Diese Führung ist schwer einzuholen.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Die schöne Idee vom Wandel durch Handel ist nicht nur gescheitert – Stichwort Abhängigkeit von Rohstoffen fragwürdiger Provenienz – sie hat uns eine Menge Schwierigkeiten erstens sicherheitspolitischer, zweitens wirtschaftlicher und drittens umweltpolitischer Natur eingebrockt. Die Bindung an die USA mit ihrer militärischen Stärke ist, das ist auch in Zeiten der starken Allianz gegen Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine unvergessen, kann in Zeiten einer mächtigen „America first“-Bewegung schwerlich als nachhaltig bewertet werden. Technisch sind wir vernetzt wie nie zuvor, aber politisch und wirtschaftlich Erleben wir einen Rückbau von Partnerschaften. Der Größte zu sein, ist nicht genug. Grenzen, auch digitale, verteidigen zu können, ist wichtiger geworden.

Wir haben Unabhängigkeit bekommen – jetzt müssen wir sie behalten

Das heißt nicht, dass die Idee der Partnerschaft am Ende wäre. Im Gegenteil. Aber es ist wichtiger geworden, Partner gut auszuwählen und die Partnerschaft auf eine souveräne Basis zu stellen. Zum Gründungsmythos des DE-CIX gehört nicht nur der Gedanke der partnerschaftlichen Vernetzung, die Gründung war auch eine Unabhängigkeitserklärung von den USA. Wir wollten Nachrichten, die von einem Standort in Deutschland zu einem anderen Standort in Deutschland gingen, nicht über Nordamerika schicken. Wir wollten direkte Verbindungen. Mit eigener Infrastruktur. Wir wollten Unabhängigkeit und Souveränität. Die haben wir auch bekommen – und jetzt müssen wir dafür sorgen, dass wir sie auch behalten. Dazu benötigen wir eine robuste digitale Infrastruktur, die Offenheit mit Sicherheit vereint, Transparenz mit Vertraulichkeit und Geschwindigkeit mit Nachhaltigkeit – und die wir selbst in der Hand halten. Mich dafür stark zu machen, sehe ich als meine Aufgabe im Zukunftsrat. 

Im August werden wir unseren Zwischenbericht vorlegen. Der wird konkrete Handlungsempfehlungen enthalten, wie die hessische Landesregierung Wirtschaft und Unternehmen stärken und die Themen Digitalisierung und Dekarbonisierung vorantreiben kann – einer der Grundpfeiler wird eine leistungsfähige digitale Infrastruktur sein. 

Ich bin überzeugt: Die Digitalisierung Hessens und Deutschlands kann nur gelingen, wenn Infrastrukturen zur Speicherung, Verarbeitung und Verteilung nachhaltig und performant flächendeckend zur Verfügung stehen. Der weitere Ausbau der Glasfasernetze muss einhergehen mit einem dezentralen Ausbau von regionalen Rechenzentren, um mit einem wirtschaftlichen Angebot Unternehmen und Verwaltungen direkt an eine leistungsfähige, föderierte Cloud-Infrastruktur anzuschließen. Der DE-CIX wird seinen Beitrag dazu leisten, indem er seine Konnektivitätsdienste nicht nur Netzbetreibern und Cloud Service Providern, sondern auch Unternehmen und Verwaltungen automatisiert zur Verfügung stellen wird.

Bild © Jacob Ammentorp Lund | iStockphoto.com

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