Harald A. Summa + Fortschritt wagen

Fortschritt: Das Wagnis ist es, ihn nicht anzunehmen

Mehr Fortschritt wagen. Das ist das Motto, unter dem die neue Bundesregierung antritt. Ein scheinbar gefälliges, ein konsensfähiges Leitbild. Fortschritt ist wie Gesundheit, Zeit oder Geld: Finden alle gut, gern mehr davon. Zumal in einem Land, dessen wichtigster Rohstoff in den Köpfen seiner Bürgerinnen und Bürger steckt. 

Sollte man meinen. Doch so einfach ist es dann wohl doch wieder einmal nicht. Denn anders als Zeit oder Geld ist Fortschritt ein Begriff, der so oder so ausgelegt werden kann. Siehe Coronakrise. In Deutschland wurde mit Comirnaty eine der wirkungsvollsten Lösungen gegen die Pandemie gefunden. Das bringt Bewunderung. Gleichzeitig ist die Impfquote hierzulande so niedrig wie in kaum einem anderen entwickelten Land. Das sorgt für Verwunderung. Und die Frage, wie damit umzugehen sei, Stichwort Impfpflicht, ist auch innerhalb der Pro- und Contra-Lager höchst umstritten. 

Des einen Fortschritt ist des anderen Unterdrückung.

Dieser Konflikt wird uns noch lange beschäftigen. Ganz unabhängig davon, ob Sie eine Impfung für eine Verbesserung oder eine Verschlechterung Ihrer Gesundheit halten. Er betrifft unsere Körper und er betrifft unsere Geldbeutel. Was unsere Körper angeht, ist die Geschichte von Markus Rehm erhellend. Rehm ist Weitspringer. Als einer der besten Weitspringer misst er sich mit den Besten – und hoffte daher auf die Teilnahme bei den Olympischen Spielen in Tokio.

Rehm ist nicht nur Weitspringer, er ist auch behindert. Anstelle seines rechten Unterschenkels trägt er eine Prothese. Womöglich hat er damit einen Vorteil gegenüber Nicht-Behinderten. Ob dem wirklich so ist? Da gibt es in den über seine Teilnahme (oder die Einführung einer gesonderten Wertung) entscheidenden Gremien keine Einigkeit, letztlich wurde es ausgeschlossen. Blieben ihm die Paralympics, wo man, um höher, schneller, weiter zu kommen dem technologischen Fortschritt in Form von Prothesen naturgemäß aufgeschlossener gegenübersteht. 

Fortschritt bringt intime Veränderungen mit sich

Man sollte die Geschichte nicht als Randnotiz in einer Nische abtun, stehen wir doch mitten in einem Prozess, der unsere Gesellschaft – und das ganz ohne Transhumanismus- und Cyborgszenarien – in die einen und die anderen teilt, nämlich in Geimpfte und Nicht-Geimpfte (oder Genesene). Es ist zudem davon auszugehen, dass die Coronakrise nicht die letzte Entwicklung der Geschichte gewesen sein wird, in der die Fortschrittsfrage sehr intime Veränderungen mit sich bringt. 

Neben unseren Körpern und unserem Bewusstsein verändert der Fortschritt auch unseren Kontostand. Während Technologien wie das Rad oder die Dampfmaschine darauf abzielten, unsere Körperkraft zu hebeln oder überflüssig zu machen, beflügelt die moderne IT unsere Gedankenkraft. Machine Learning und Künstliche Intelligenz verändern Rechenprozesse und damit Wertschöpfungsketten um ganz andere Dimensionen, als es eine Unterschenkelprothese den Weitsprung. 

Steht bei Markus Rehm noch die Frage im Raum, ob er wegen, trotz oder mit seiner Prothese so gut springt, sprengt die moderne IT jegliche Vergleichsmaßstäbe. Ein Wettbewerb zwischen zwei fiktiven Anbietern, von denen einer den technologischen Fortschritt einzusetzen wagt während der andere als welchen Gründen auch immer darauf verzichtet, wäre nicht nur verzerrt, er wäre vollkommen frei von Spannung. 

Die Prothese gewinnt

Das lernen gerade alle Unternehmen und Industrien, in denen Daten eine Rolle spielen, von der Automobilbranche über Banken und Versicherer bis hin zum örtlichen Schreiner, der neuerdings Aufträge von Plattformen vermittelt bekommt, bei denen Endkunden ihre Wunschmöbel nach eigenem Gusto konfigurieren.

Die Prothese, der Fortschritt gewinnt. Ein Wagnis wäre es, ihn nicht anzunehmen. Stattdessen müssen wir ihn gestalten und schauen, wie weit wir damit kommen. Die persönliche Bestmarke von Markus Rehm liegt übrigens bei 8,62 Meter. Das ist Weltrekord im Behindertensport. Das ist auch weiter als je ein Deutscher gesprungen ist – egal, ob behindert oder nicht-behindert.

Bild © whyframestudio | iStockphoto.com

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